Kritik der fleißigen Unvernunft – Theorie der Faulheit

von mmagercord

INHALT

PROLOG …………………………………………………………..

Kein Manifest

EINFÜHRUNG ………………………………………………….

Zustand der Moderne

Terror, Wahn, Schrei – Physische Moderne – Ohren zu und durch? – Zauber der Moderne

1. KAPITEL ………………………………………………………

Seid modern: Seid faul

Gespenster sehen – Liebe, Verantwortung… – Labor der Moderne – …und Gewissen – Unter Emeriten – Zu schön… – …um falsch zu sein – Vernunft annehmen – Nichts Neues – Faule Propheten

2. KAPITEL ………………………………………………………

Faule Moderne

Bedrohte Kultur Moderne – Bedrohungsfaktor Arbeit – Verstörung durch Singulare: Freiheit, Gerechtigkeit, Vernunft – Asylgrund Moderne: Überproduktion auf der Flucht ins Virtuelle

3. KAPITEL ………………………………………………………

Moderne Faulheit

Modern geht anders – Faule Wissenschaft – Faule Demokratie – Faule Kunst – Faulheit bemächtigt sich den bürgerlichen Errungenschaften – Hurra, wir leben noch modern!

4. KAPITEL ………………………………………………………

Seid faul: Seid modern

Was Faulheit nicht leistet – Freud war fleißig: Faulheit ist keine Therapie… – …und Faulsein ist es doch! – Therapie für die Moderne – Jetzt noch die Bremsspuren sichern

NEKROLOG ……………………………………………………..

Ein Manifest

Festival der faulen Forderungen


PROLOG

Kein Manifest

Der Mensch, dieser entschiedene Träumer, von Tag zu Tag unzufriedener mit seinem Los, vermag kaum alle Dinge ganz zu begreifen, die er zu gebrauchen gelernt hat und die ihn zu seiner Gleichgültigkeit geführt haben oder zu seiner Anstrengung, fast immer zu seiner Anstrengung, denn er hat eingewilligt zu arbeiten, zumindest hat er sich nicht gesträubt, sein Glück zu versuchen.

André Breton, Manifest des Surrealismus, 1924

Ein Gespenst geht um im Zeitgeist der Moderne – das Gespenst der Faulheit. Moderne Menschen, Nährer und Erleider des Geistes der Moderne, erliegen seinem Spuk. Nicht, daß dieses Gespenst die Heimgesuchten nun gleich in Angst und Schrecken versetzte, denn moderne Menschen lassen sich von Gespenstern ja kaum mehr bange machen – aber irre machen schon.

Wo ist derjenige, der noch nie geseufzt hätte: »Ach, ein wenig Muße täte gut!« Oder jener, der nicht schon einmal gedacht hat: »Weniger wäre mehr!« Kein Zweifel, diese Menschen hat das Gespenst der Faulheit bereits verhuscht. Manche von ihnen drücken sich jetzt modern aus, ganz so, als wollten sie das Gespenst mithilfe einer klugen Beschwörungsformel doch noch besänftigen. Sie sprechen von »Entschleunigung« und glauben wohl, den Spuk dadurch bereits in halbwegs vernünftige Bahnen gelenkt zu haben. Aber ihr modernes Wortgebilde hat sie auch nicht vor der Heimsuchung bewahrt, im Gegenteil, es zeigt nur, welch leichtes Spiel das Gespenst gerade bei diesen Menschen hat: denn all ihr Gerede – ob als romantisierendes Geseufze, reklameselige Spruchweisheit oder in der verdrucksten Kapriziertheit bemühter Begriffsbildung – ist ein deutliches Anzeichen dafür, daß ihr moderner Geist schon ziemlich durcheinander ist. Geht also aus der Tatsache, daß ausgerechnet moderne Menschen sich so bereitwillig verwirren lassen, gar hervor, daß das Gespenst der Faulheit vielleicht nur deshalb gekommen ist, um nun von der Moderne zu retten, was noch zu retten ist?

Seit einem halben Jahrtausend weht der Geist der Moderne über die Welt hinweg. Dieser Geist hat die Geister der Traditionen und Religionen, die doch immer in der Welt heimisch waren, in altertümelnde Schreckgespenster verwandelt. Und trotzdem kommt der moderne Geist nicht zur Ruhe, Angriffssturm auf Angriffssturm sendet er über alles Seiende, nichts ist ihm etwas Bleibendes. Kaum macht er die Menschen glauben, sie hätten sich endlich eine zeitgeistgerechte Heimstatt eingerichtet, fegt er diese auch schon wieder hinfort. Die Menschen vermögen seinen stürmischen Attacken einfach keinen Einhalt zu gebieten, denn immer noch haben sich die von diesem Geist entfachten Hoffnungen nicht erfüllt: Oder fühlt sich da jemand wirklich frei? Ist auch nur einer ernsthaft mündig geworden? Oder geht es wenigstens gerecht zu in der Welt?

Freiheit, Mündigkeit und Gerechtigkeit – das waren die Verheißungen, mit denen der Geist einst über die Menschen kam. Die schönen Worte setzten sich in ihren Köpfen fest und der Geist war in sie gefahren. Und seither wollen sie es auch: sie wollen frei sein und mündig, und dafür sorgen, daß es gerecht auf Erden zugeht. Und sie wurden frei und mündig, frei von der Verpflichtung gegenüber dem ewigen Jenseits und mündig gegenüber einem Leben nach dem Tod, und im Namen einer irdischen Gerechtigkeit nutzten sie ihren einmal erweckten Tatendrang dazu, in jede sich bietende Lücke zu stoßen, um in alle Sphären des Diesseits vorzudringen und lenkend in die Weltenordnung einzugreifen. Und wozu das alles? Nur um auf den Trümmern des Althergebrachten schließlich das Räderwerk der industriellen Arbeitsgesellschaft errichtet zu haben?
Einmal produktiv und mobil geworden, sind Menschen jederzeit in der Lage, naturgegebene Grenzen, die kurz zuvor noch als unüberwindbar galten, zu überwinden. Und obwohl moderne Menschen mittlerweile wissen, daß sich hinter jeder niedergerissenen Grenze immer nur weitere Grenzen auftun, und obwohl viele Menschen schon erkannt haben, daß so manche dieser Grenzen auch besser unumwunden blieben, und obwohl eine immer größere Zahl von diesen Menschen auch noch das Gefühl hat, es widerstrebe ihrem Wesen, immer nur Grenzen niederzureißen, da dieses Tun sie doch letztlich heimatlos in der Welt beläßt, weiß der Geist keinen anderen Ausweg, als die Menschen weiterhin dazu anzuspornen, sogleich die nächste Lücke aufzuspüren und die nächste Grenze auch noch zu Fall zu bringen.

Frei und mündig? Oder doch nur von einem Geist besessen? Oder beides zugleich? Ein Mensch, der erkannt hat, beides zugleich zu sein, frei und besessen, kann nicht mehr in diesem unvernünftigen Schwebezustand verbleiben. Er wird sagen: die Moderne wird nie heimisch werden in der Welt, wenn ihr Geist seine Grenzen nicht achtet, nämlich meine Grenzen! Spätestens dann wird er gegen diesen Geist, der ihn zur stetigen Selbstüberwindung treibt, revoltieren wollen. Doch ein Mensch, der schon länger Teil des Räderwerks der industriell geprägten Arbeitsgesellschaft ist, muß ebenso erkennen, daß er sich durch rentenversicherungs- und anderswie bedingte Vorsorgemaßnahmen in ihren Betrieb so sehr verstrickt hat, daß ausgerechnet er selbst der Leidtragende seiner Revolte wäre. Wenn die Geschichte der neuzeitlichen Revolutionen ihn eines lehrt, dann das, daß radikale Umbrüche immer nur die Kleinsparer treffen. Und diese Kleinsparer sind es doch, die sich von dem Spuk um Muße und Entschleunigung besonders bereitwillig behuschen lassen.

Einem Menschen, der nun trotzdem sagt: es muß doch einen Weg geben, der hinaus führt aus der funktionalen Enge der modernen Geisterwelt, dem ist das Gespenst der Faulheit beigesprungen und es setzt ihm dann noch einen Floh ins Ohr: Ja, du kannst ein moderner Mensch sein und dennoch in dieser Welt heimisch werden. Doch dazu muß zunächst die Moderne eine Heimstatt finden und du mußt sie ihr bieten! Du mußt den Geist der Moderne einfangen, ihn bändigen und schließlich zähmen damit Freiheit, Mündigkeit und Gerechtigkeit endlich im Einklang mit deinem menschlichen Wesen gedeihen können.

Wenn dieser Mensch, vom Überschwang erfaßt, darüber sinnt, wie er der Moderne zur Heimat werden könne und sagt: Mensch, das ist ja leichter als man denkt!, dann hat ihn das faule Gespenst komplett verhuscht. Jetzt wird er irre Dinge sagen: Frei ist der Faule; mündig der, der faul sein darf; nur im Faulsein geht es gerecht zu. Oder: Faulheit ist der Teil des Menschenganzen, den die Moderne sträflich vernachlässigt hat, und der dem modernen Menschen nun fehlt, um sich mit seiner Hilfe dem geisterhaften Drang nach der permanenten Grenzüberschreitung entgegenstellen zu können. Noch irrer: Faulheit ist der Bremsklotz im Räderwerk der modernen Arbeitsgesellschaft, der der wahnhaften Raserei der modernen Menschen Einhalt gebieten kann. Liebe zum Gegenwärtigen und Verantwortung für das Zukünftige sind auch schöne Entschleunigungskonzepte, aber sie können nur bei vollem Bewußtsein wirken. Rasende sind nicht bei Bewußtsein, sie sind Besessene, doch einmal faul geworden, nehmen sie Vernunft an, ohne es überhaupt zu bemerken. Nun völlig irr: Die eigentliche Lebensweise der Moderne ist das Faulsein, denn nur in modernen Zeiten läßt sich das faule Leben leidlich bequem einrichten. Es wird ein Paradies auf Erden sein, worin sich das letzte Gottgegebene in mir, dem modernen Menschen, verwirklichen kann: meine Faulheit – und siehe, so hat das Gespenst dem Geist die Grenzen aufgezeigt. Im faulen Zustand wird der moderne Mensch seiner Moderne endlich eine Heimat bieten. Ihr unsteter Geist mag dann weiterhin spinnert durch die Welt geistern und zum Sturz von Grenzen aufrufen: einmal faul geworden, darf der Mensch trotzdem darauf setzen, daß es eine dauerhaft lebbare Form der Moderne auf dieser Welt tatsächlich geben kann.

Gespenster sind flüchtige Erscheinungen, und im Gegensatz zu Geistern lassen sie uns ab und zu etwas Zeit zum Nachdenken. Der behuschte Mensch wird also wieder ins Grübeln verfallen und erkennen, daß es eben nicht leichter ist als man denkt, die geistige Heimat eines ganzen Zeitalters werden zu wollen. Wie sollte auch ein so ruheloser und ungeduldiger Geist wie der moderne, der frei und mündig sein will und dazu noch Gerechtigkeit auf Erden einfordert, ausgerechnet in ihm, dem Besessenen, einen Ankerplatz finden? Indem dieser Mensch einfach nichts tut, oder zumindest weniger, oder alles etwas gemächlicher angehen läßt? Gespenstersehen allein, wird er sich sagen, kann die Moderne noch nicht retten.

Dennoch bleibt dieser Mensch davon überzeugt, daß nicht alles falsch an den Gedanken ist, die ihn befallen hatten. Ja, es kann eine lebbare Form der Moderne tatsächlich geben, und es muß sie geben, denn die Moderne ist doch gut. Frei zu sein, mündig zu handeln und darauf zu wirken, daß es gerecht zugeht – diese Ansprüche an ein modernes Leben sind richtig. Und aus der Welt zu schaffen wären sie sowieso nicht mehr: Einmal von ihrer Richtigkeit überzeugt, einmal ein moderner Mensch geworden, gibt es kein Zurück, denn etwas Besseres als die Moderne findet dieser Mensch nicht mehr. Und als moderner Mensch wird er sich auch sagen müssen, daß in der Welt ohnedies keine Gespenster auftauchen. Ideen kommen in die Welt, und ja, die mögen zunächst spökig wirken, so daß man sie zu Gespenstern erklärt, um sie als bloße Hirngespinste abtun zu können. Aber dann ist es eben – wie schon so manches Mal in der Geschichte der Gespenstererscheinungen – wieder hohe Zeit, dem Märchen der Existenz von Gespenstern ein Manifest entgegenzustellen: Die Apologeten der Entschleunigung werden also in einem Manifest ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen. Sie werden daran das Bewußtsein für ihre historische Mission schärfen und auf dieser Grundlage dafür streiten, real existierende Entschleunigungsinstitutionen einzurichten, auf daß die Faulheit die führende geistige Rolle in der industriellen Arbeitsgesellschaft einnehmen wird. Auferstehen aus den Ruinen des Althergebrachten wird eine dauerhaft lebbare und damit erst wirklich moderne Gesellschaft – das Paradies auf Erden.

Und nun das: Da könnte es endlich ein Manifest geben und diesem Menschen wird plötzlich so traurig zumute? Ja, traurig ist er, denn sein Gespenst, das unter dem Schleier der Faulheit so unbeschwert im Zeitgeist umging, wird sich – ist der Spuk erst einmal in eine handlungs- und geschichtsgültige Entschleunigungsmaxime gewandt – verdünnisieren. Der Mensch braucht es nicht mehr, er hat ja nun seine eigene Verkündigung, an der sich sogar seine Geister messen lassen müssen: ein Menschenrecht. Und dann passiert, was dann immer passiert. Aus dem manifest Eingeforderten wird ein Rechtsanspruch abgeleitet, im politischen Ringen werden die Ansprüche geltend gemacht und schließlich bekommen die Anspruchsberechtigten ein bißchen mehr an gesetzlich zugesicherter Freizeit obendrauf, die sich fortgeschrittene Arbeitsgesellschaften immer verordnen, sofern sie der Kraftschöpfung für neuerliche Grenzübertritte dienen, wobei diese vermeintlich freie Zeit sogar selbst schon dazu genutzt wird – wenn das nicht traurig stimmt. Die Moderne ist damit jedenfalls nicht zu retten.

Besser also dieser Mensch sieht wieder klar. Dann will er nämlich noch ein wenig länger irre bleiben – und klug und weise werden noch dazu. Gespenstersehen allein mag die Moderne nicht retten, aber es macht klug und weise. Denn weise war es schon immer, mit seinen Gespenstern leben zu lernen – warum also nicht versuchen, mit dem Gespenst der Faulheit erst einmal eine Weile auszukommen? Und klug ist es, sich ganz allmählich aneinander zu gewöhnen: der moderne Mensch an die Existenz von Gespenstern und die Moderne an die Faulheit. Das Gespenst der Faulheit sollte also lieber noch ein wenig durch das Diesseits huschen ohne den Zwang und das Recht auf Verwirklichung seines Spuks. Es soll erst einmal so richtig über den Trümmerhaufen, auf den die Moderne alle früheren Vorstellungen vom Jenseits befördert hat, hinwegfegen, auf daß sich in dem aufgewirbelten Staub auch das gute alte Paradies einmal kurz erkennen läßt: diesen überweltlichen Zustand menschlichen Seins, den es so nie geben hat, den es so nie geben wird, den man aber trotzdem genau kennen muß, um im Abgleich mit ihm den gegenwärtigen Zustand überhaupt erst zu verstehen.

Bewußt muß sich der moderne Mensch nämlich zunächst werden, in welchen Zuständen er tatsächlich lebt, wenn er modern lebt, danach erst kann er daran denken, diese Moderne auch noch zu retten. Und nur derjenige kann sich selbst ganz begreifen, der seine Geisterwelt und damit die auch immer etwas jenseitigen Zustände, worin jene Gespenster mit ihren Ideen, von denen er sich doch so bereitwillig behuschen läßt, zuhause sind, wirklich kennt. Der moderne Mensch aber, der die Verbindung zum Jenseits gekappt hat und dessen Spuren im Diesseits nicht mehr so ohne Weiteres zu deuten vermag, muß sich mit vorgestellten Zuständen, die ihm ein Jenseits vorgaukeln, behelfen. Und er sollte diesen irren Vorstellungen wenigstens einen Gespensterhusch lang Wirklichkeit zubilligen – womit sonst könnte er den gegenwärtigen Zustand abgleichen, um ihn sich verständlich zu machen?

Diese Chance darf er jetzt nicht vertun: Der moderne Mensch läßt sich vom Gespenst der Faulheit auf Probe richtig irre machen und begreift endlich, wovon er eigentlich besessen ist. Verhuscht wird er sehen, wie bequem es sich dieses Gespenst eingerichtet hat. Und so wird er endlich erkennen, woran es seinem modernen Geist mangelt, und woran es also liegt, daß Gespenster eben doch in der Lage sind, ihn zu verwirren. Eine bessere Gelegenheit könnte es dazu kaum geben, denn einem ihm so wohlgesinnten Gespenst wird er so schnell nicht wieder begegnen.

Es sind nämlich noch viele andere Gespenster unterwegs, altgediente und neumodische, ehrgeizige und zielstrebige, kreditgewährende und schuldzuweisende, welche, die sich konservativ gebärden, andere, die liberal daherkommen, und die sich alle um den Zeitgeist bemühen. Wahre und heimliche Schreckgespenster sind darunter, die dem Menschen irdische Glückszustände verheißen, aber zu Vergleichszwecken immer nur Höllen parat halten statt Paradiese. Sie legen es darauf an, daß Gespenstersehen besonders unter den Kleinsparern wieder Angst und Schrecken verbreitet, denn sie wollen erreichen, daß der Mensch seine Chance auf Freiheit, Mündigkeit und Gerechtigkeit doch noch vertut und die Moderne letztlich scheitert. Lange wird es nicht dauern und all diese Schreckgespenster werden auch noch übereinander herfallen. Sie werden versuchen, sich gegenseitig die Hüllen herunterzureißen und einander bloßzustellen. Ein Mensch, der dennoch die Moderne retten will, muß dann besonders auf der Hut sein. Er darf in diesem Getümmel nicht die Orientierung verlieren und sich sein wohlwollendes Gespenst lächerlich machen lassen – und schon gar nicht abspenstig.

Aber vielleicht haben sie sich dann auch schon so sehr aneinander gewöhnt, der Zeitgeist der Moderne an die Faulheit und der moderne Mensch an das Faulsein, daß dieser Mensch – seines Geistes gegenwärtig geworden – schließlich verkünden kann: Es gibt keine Gespenster mehr! Endlich hat er die richtigen Begriffe gefunden, mit denen er seinen gegenwärtigen Zustand erfaßt, und er verfügt sogar über eine Theorie, die ihm hilft, sich in einem Paradies auf Erden zurechtzufinden. Und dann ja, dann könnte er sich auch noch den Spaß machen, ein Manifest der Faulheit aufzustellen mit allem darin, was nicht mehr zu tun und was von vornherein zu lassen ist, und sei es nur, um damit seinem Gespenst die letzte Ehre zu erweisen.

EINFÜHRUNG

Moderne Zustände

Akzelerationismus ist der grundsätzliche Glaube, dass Kapazitäten freigesetzt werden können und sollten, indem wir über die Beschränkungen der kapitalistischen Gesellschaft hinausgehen. Diese Bewegung über unsere derzeitigen Schranken hinweg muss mehr beinhalten als nur den Kampf für eine rationalere globale Gesellschaft. Sie muss, so glauben wir, auch die Bergung der Träume beinhalten … Träume vom Streben des Homo sapiens nach Ausbreitung über die Grenzen der Erde und seiner unmittelbaren körperlichen Form hinaus.

Nick Srnicek und Alex Williams, Beschleunigungsmanifest, 2013

Kühn ist ein Mensch, der zunächst sein Zeitalter mit dem Anspruch versieht, es werde sich immerfort auf der Höhe der Zeit befinden, und dann noch glaubt, er könne das auch. Die »Moderne« ist das Zeitalter, und modern ist der Mensch, der nicht nur die Kühnheit besitzt, den Anspruch zu haben, daß alles, was er tut, so modern sei, wie sein Zeitalter, sondern auch noch vermessen genug ist zu glauben, daß erst sein Tun die Gegenwart zu einer modernen Zeit macht.

Kein Zweifel, es herrschen moderne Zeiten, denn der Anspruch die Zeitmäßigkeit des Handelns gehört zum üblichen Anforderungsprofil allen Tuns moderner Menschen. Allein, es fehlt ihnen nun so manches Mal der Glaube, daß sie selbst sich noch auf Augenhöhe mit ihrer Zeit befinden. Und schlimmer noch: den einst so kühnen Menschen fehlen die richtigen Worte, mit denen sie sich die Gründe für ihren Glaubensverlust begreiflich machen könnten.

Freiheit, Mündigkeit, Gerechtigkeit – mit diesen Worten konnten die ersten modernen Menschen noch jene Kräfte freisetzen, die die mittelalterliche Gedankenwelt zum Einsturz gebracht haben. Gott, Geist, Seele – der Dreiklang einer nicht funktionalen Ewigkeit, hatte dem diesseitigen Tatendrang, der durch die neuen Begriffe geweckt wurde, nichts mehr entgegenzusetzen. Kühn waren die Menschen geworden, und die kühnsten unter ihnen konnte selbst das noch lange anhaltende Erschrecken darüber, gottlos geworden zu sein, nicht mehr davon abhalten, frei und mündig zu handeln. Der Schreck ließ schließlich nach – und die Moderne war ein für alle Male in der Welt, um selber zum Schrecken zu werden.

Schreckliche Moderne! Da haben sich die modernen Menschen in der Folge des Wandels ihrer Begrifflichkeiten eine bestens im Diesseits funktionierende Tatwelt errichtet, doch wenn sie nun nach Worten ringen, um ihren Zustand zu beschreiben, müssen die alten Begriffe herhalten: nicht nur gottlos, auch geist- und seelenlos sei diese Moderne geworden. Dabei ist es weniger der Schrecken darüber, daß sich die Moderne scheinbar nur noch mit den längst als überholt geglaubten Begriffsmustern beschwören läßt, der die Menschen erschaudert, als vielmehr das Gefühl, man werde unter den modernen Umständen jeden Tag aufs Neue zu Taten angestiftet, durch die man nur weiter in Unfreiheit und Unmündigkeit gerät. Ausgerechnet die Menschen, die durch die Schule des freien und mündigen Handelns gegangen sind, ist ihre Moderne fremd geworden, so fremd, daß so manche unter ihnen zur Ansicht gelangt sind, die Moderne sei nicht mehr ihr Geschöpf, sondern sie bereits das ihre; schrecklicher noch: diese Moderne gestalte nun die Zukunft ganz ohne ihr Zutun.

Schreckliche Moderne also? Oder vielleicht doch nur eine dieser darin immer einmal wieder auftretenden Ohnmachtsphasen? Und was geschah bisher, wenn es soweit war, wenn sich moderne Menschen in die Annahme verstiegen hatten, ihr Tun könne nichts mehr aus gegen den Strom der Zeit ausrichten, und sie sich in ihr Schicksal zu ergeben drohten?

Gemeinhin tritt, sobald es unmöglich wird, den eigenen Ansprüchen durch eigenes Handeln zu genügen, an die Stelle der Kühnheit der Tat die Kühnheit der Kritik. Mit kühner Kritik sprengten die Menschen erst die metaphysischen Gedankenlabyrinthe auf, die sie zuvor daran gehindert hatten, überhaupt eigene Ansprüche zu formulieren und danach zu handeln. Und immer, wenn sie die Unmöglichkeit, ihren Ansprüchen durch eigenes Tun genügen zu können, wieder auf einen Irrweg zu führen drohte, half den modernen Menschen die kritische Analyse der hinderlichen Umstände schon bald über ihr Ungenügen hinweg. Neue Begrifflichkeiten wurden gefunden, sie ebneten ihnen den Weg hinaus aus der Sackgasse: Anspruch und Wirklichkeit – und ihre beiden modernen Entsprechungen, Wissenschaft und Technik – fanden wieder zur Deckung.

Mittlerweile sind die kritischen Begriffselixiere unter griffigen Gattungsbezeichnungen selbst zur Wissenschaft und Technik geworden. Die Lehren der Ökonomie, Soziologie und Psychologie bereiten die Startbahnen für immer kühnere gedankliche Höhenflüge, mit denen sich moderne Menschen für ihre Taten zuvor ungekannte Betätigungssphären erschließen: die Ökonomie geleitet die Menschen auf den steilen Pfad zu Wohlstand und Wachstum, die Soziologie liefert die Begründungen dafür notwendige Verschiebungen im Verhältnis zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, und die Psychologie verhilft dem einzelnen Menschen immer wieder zur Überzeugung, trotz ihres Unterbewußtseins immer noch eigenverantwortlich handeln zu können. Selbst wer das allein noch nicht schrecklich findet, wird erkennen müssen, daß unter der wissenschaftlichen Anleitung dieser drei Disziplinen aus dem einstigen Wechselspiel zwischen den Kühnheiten des Kritisierens und den Kühnheiten des Handelns ein ununterbrochen vorwärts strebender Prozeß geworden ist. Und es ist dieser Prozeß, den moderne Menschen eigentlich meinen, wenn sie von der »Moderne« sprechen. Mit seiner Hilfe nämlich versetzen sie die Welt in jenen dauerhaft kritischen Zustand, in dem sie zu ihrem »Projekt« wird. Jederzeit steht diese Welt nun entwicklungsbereit zu ihrer tatkräftigen Verfügung, denn alles in diesem »Projekt Moderne« sollte ja auch immer schon anders sein können, als es gerade ist. Und es wird anders, sobald man die richtigen Begriffe findet, um die neuerlichen Ansprüche in Worte zu fassen, und sofort darangeht, die Welt danach zu gestalten – auf daß sich alles stetig wandelt, um letztlich doch so zu bleiben, wie es ist.

Das alles soll plötzlich nicht mehr funktionieren? Es ist doch nicht zum ersten Mal, daß es so aussieht, als hätten die modernen Menschen ihre Moderne in eine Sackgasse manövriert, und es wäre auch nicht das erste Mal, wenn sie da wieder herausfänden. Die Bedingungen haben sich ja nicht verändert: die drei wissenschaftlichen Orientierungshilfen, die den Prozeß in Gang halten, stehen in hoher Blüte, und die Zeitgenossen kritisieren den Zustand der Welt heftiger denn je und formulieren munter immer höhere Ansprüche – und doch scheint es, daß sich etwas grundlegend geändert hat: Das Projekt der Moderne hat sich verselbständigt und spult sich von ganz allein ab, ohne daß der einzelne Mensch darin noch Ansprüche stellen könnte, die andere Taten einfordern würden, als die gegenwärtig gewohnten Handlungen. Diese Welt ist eine reine Tatwelt geworden, die auf kühne Kritik nicht mehr reagiert und rücksichtslos Handeln einfordert; Handlungen allerdings, die gar nicht aussehen wie die Vollstreckung von Eingefordertem, sondern wirken, als führten moderne Menschen sie aus freien Stücken aus.

Ganz banale Verrichtungen sind es, die sie tagtäglich abspulen. Arbeiten, nun ja, das sollten selbst moderne Menschen tun, aber was machen sie darüber hinaus? Shoppen, Autofahren, zum Ausgleich ein wenig Joggen vielleicht, nun ja… Und so scheint die Frage, was sie denn so Kühnes vollbringen?, die einzig verbliebene Frage, die sich diese Menschen noch stellen können. Vielleicht ist es die Antwort auf diese vermeintlich letzte aller Fragen, die sie an ihrer Moderne verzweifeln lassen: denn alles was moderne Menschen in ihrem modernen Alltag tun, ist ja nicht besonders kühn. Die Banalität ihres Tun würde sie auch nicht weiter beunruhigen, wenn sie nicht wüßten, daß es gravierende Folgen hat. Shoppen, Autofahren und Joggen, das klingt erst einmal nicht schlimm; aber was wird nicht alles in Bewegung gesetzt, um Regale mit Waren zu füllen? Und was richtet Bewegung durch Autofahren nicht alles an? Und was eigentlich bewegt einen Menschen wirklich zum Joggen?

Leugnen nutzt da auch nichts mehr, denn die Menschen sind mithilfe ihrer wissenschaftlichen Begriffstechniken soweit aufgeklärt. Sie wissen, welch böse Folgen ihr Tun zeitigt, und sie sind sogar erschrocken über die ökologischen Verheerungen, die ökonomische Ungleichheiten und sozialen Schieflagen, die ihr tägliches Tun letztlich erzeugen. Ein Mensch, der in geordneten modernen Verhältnissen lebt und sich darin der großen Masse der Kleinsparer zurechnet, der zudem versucht, sich halbwegs gesund zu ernähren und Rücklagen fürs Alter zu bilden, und der entgegen der anderslautenden Beteuerung seiner Sozialversicherungsträger schon eingesehen hat, daß sich dieses Streben kaum als »Gutes tun« bezeichnen läßt, der wird – denn alle anderen machen ja auch nichts anderes – seine alltäglichen Verrichtungen als ganz normale Tätigkeiten empfinden müssen. Er wird aber trotzdem das Gefühl nicht los, daß diese Taten nur in einer Welt als normal gelten können, in der ein Ausnahmezustand herrscht – ein Ausnahmezustand allerdings, der ganz normal daherkommt und worin die Massenhaftigkeit der alltäglich ausgeführten Verrichtungen den einzelnen Menschen davor schützt, zum Sünder zu werden.

Doch diese Tarnung der modernen Verhältnisse als Normalzustand versagt zunehmend. Denn ist es nicht schon um das Normalsein der Verhältnisse geschehen, wenn auch nur ein Mensch auch nur einen Moment lang Zweifel plagen an seinem alltäglichen Tun, das ihm diese Verhältnisse abnötigen? Und sei es, daß dieser Mensch, der zweifelt, nur jener ist, den er als Ich bezeichnet?

Die moderne Gegenwart ist ein Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt, und ist ein Mensch erst einmal zu einem verschreckten Zweifler geworden, schwindet sein Orientierungssinn. Das Verwirrungspotential der Moderne steht dem des Mittelalters kaum nach, und es scheint, als lieferten die metaphysischen Gespinste, die einst als Existenzbeweise für Gott, Geist und Seele gesponnen wurden, nun die Vorlage zu dem Versuch, ein ewiglich währendes wirtschaftliches Wachstum zur unabdingbaren Voraussetzung für die Verwirklichung von Freiheit, Mündigkeit und Gerechtigkeit zu verklären. Jemand, der ohnedies schon ins Zweifeln geraten ist, erkennt in den Taten, die darin normal erscheinen, nur wieder deren böse Folgen. Und die wohlgeordneten Begriffstechniken der modernen Wissenschaften sind nicht mehr kühn genug, um durch ihre Kritik ein anderes Handeln hervorzurufen als das normale. Diese Begriffe vermögen nicht einmal mehr, sich verständlich zu machen, was man wirklich tut, wenn man shoppt, autofährt oder durch Grünanlagen joggt.

Der zweifelnde Mensch wird sich immerhin fragen dürfen, ob sich die Moderne vielleicht nur in einer vorübergehenden Periode befindet, in der die richtigen Worte einfach noch nicht gefunden sind? Könnte dieser Mensch also darauf hoffen, daß sich die zündenden Begriffe finden werden bevor seine Moderne in eine ganz neue Phase eintreten wird, in der das Heft des Handelns endgültig an einen nicht mehr zu beherrschenden Prozeß abgegeben wurde? Oder sollte er nicht besser gleich versuchen, etwas richtig Irres von sich zu geben? Etwas, das den Orientierungssinn wieder schärft und wovon alle anderen erst einmal sagen werden: Das ist ja nun wirklich nicht mehr normal!

Eine Hoffnung hätten verzweifelte Menschen allerdings schon lange begraben sollen: jene nämlich, daß sich die Gewalt, mit der seine normalen Betätigungen die Zukunft gestalten, wenigstens zeitweilig mit deftigen Kraftausdrücken bändigen ließe – selbst das Fluchen will in der modernen Welt nicht mehr gelingen, wenn die richtigen Schimpfwörter fehlen.

xxx  vorläufiges Ende, Fortsetzung folgt – bald…  xxx

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